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    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

    Der Monologkünstler Benn im Dialog

    18.03.2016

    Mehr als 1300 Briefe in 25 Jahren: So umfangreich war die Korrespondenz zwischen dem Schriftsteller Gottfried Benn und dem Kaufmann Friedrich Wilhelm Oelze. Erstmals ist dieser Briefwechsel jetzt in einer Gesamtedition vollständig erschlossen worden.

    Die neue Edition über den Schriftwechsel zwischen Benn und Oelze. (Foto: Wallstein-Verlag)

    Die neue Edition über den Schriftwechsel zwischen Benn und Oelze. (Foto: Wallstein-Verlag)

    Gottfried Benn (1886-1956), Schriftsteller und Arzt, pflegte bis zu seinem Tod einen intensiven Briefwechsel mit Friedrich Wilhelm Oelze, einem Juristen und Kaufmann aus Bremen, der sich sehr für Literatur und Kunst interessierte. Aus den Jahren 1932 bis 1956 sind rund 750 Briefe Benns und knapp 600 Gegenbriefe Oelzes überliefert. Literaturexperten sehen diese Korrespondenz als Benns zentrales Forum für poetologische, politische und persönliche Gedanken.

    Benns Briefe wurden schon vor knapp 40 Jahren von den Literaturwissenschaftlern Harald Steinhagen und Jürgen Schröder herausgegeben. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse 2016 ist nun eine kommentierte Edition erschienen, die erstmals auch die Gegenbriefe Oelzes berücksichtigt.

    Monologkünstler im Dialog erleben

    „Bislang konnte man diesen Briefwechsel nur wie ein Schachspiel betrachten, bei dem man lediglich die eine Hälfte der Figuren sieht. Und immer musste man sich fragen, was wohl diesen oder jenen Zug provoziert haben mag“, sagt Stephan Kraft, Professor für Literaturgeschichte an der Universität Würzburg. „Auch wenn bei der neuen Edition kein ‚ganz anderer Benn‘ herauskommt, so kann man den berüchtigten Monologkünstler doch nirgends so intensiv im Dialog erleben wie hier.“

    Die vierbändige Edition ist nicht nur interessant mit Blick auf Benns Schaffen. „Mit ihr kommen wir auch dem geheimnisvollen Herrn Oelze auf die Spur, der hier in seinen faszinierenden inneren Widersprüchen erstmals zu einer wirklich plastischen Figur wird“, so Kraft. Und schließlich sei der Briefwechsel auch ein zeitgeschichtlich aufschlussreiches Dokument über zwei befreundete Intellektuelle im Nationalsozialismus und der frühen Nachkriegszeit.

    Im Briefwechsel Rollenspiel gepflegt

    Dabei waren Benn und Oelze wohl so ziemlich das Gegenteil von dem, was man als „gute Kumpel“ bezeichnen würde. Nach heutigen Maßstäben hatten die zwei Männer ein eher distanziertes Verhältnis: Sie siezten sich ihr Leben lang, und Benn vermied längere und persönliche Kontakte. So verbat er sich zum Beispiel unangemeldete Besuche Oelzes und war selbst erst nach 17 Jahren Bekanntschaft erstmals bei ihm zuhause.

    In ihrem Briefwechsel nahmen Benn und Oelze immer wieder sehr spezielle Rollen ein. Dabei werteten sie ihr Gegenüber konsequent auf – und die eigene Position konsequent ab. Benn betonte gerne die großbürgerliche Herkunft Oelzes und sprach ihn wiederholt als „Senator“ an, obwohl Oelze eine solche Funktion nie innehatte. Sich selbst bezeichnete Benn hingegen etwa als „Wanze aus der Bozenerstraße“. Oelze wiederum titulierte Benn als seinen „Meister“ und charakterisierte sich selbst im Gegenzug als „Schüler ohne Werk“.

    Durch Kulturpessimismus verbunden

    Verbunden waren die beiden Briefpartner durch einen nihilistisch gefärbten Kulturpessimismus und eine Verachtung der Massengesellschaft. In ihren Briefen erörterten sie Benns Werk und tauschten sich über allgemeine literarische Fragen aus, etwa über Bücher, die sie gerade gelesen hatten. Sie diskutierten aber auch tagesaktuelle Fragen.

    Dem Nationalsozialismus standen beide in dessen allererster Zeit durchaus positiv gegenüber. Vor allem wegen der Vulgarität und Kunstfeindlichkeit des neuen Systems änderten sie ihre Einstellung aber schnell. Der Briefwechsel dokumentiert Benns zunehmende Gegnerschaft zu den Nazis und seine schrittweise Ausgrenzung aus dem Literatur- und Kulturbetrieb des „Dritten Reichs“. Benn wurde 1938 mit einem Publikationsverbot belegt.

    Militärgeheimnisse in verschlüsselter Form

    Während des Kriegs war Benn zeitweise im Berliner Bendlerblock tätig, dem militärischen Machtzentrum der Nazis. Entsprechend gut war er über die aktuelle Lage informiert. Wenn er dieses geheime Wissen in seinen Briefen kundtat, nutzte er dafür nicht selten Verschlüsselungen. Die bevorstehende Invasion der Alliierten in Frankreich zum Beispiel bezeichnete er mehrfach als den zu erwartenden „Frühling“.

    Notizhefte und Tageskalender mit einbezogen

    „Es war schon ein besonderes Vergnügen, diese großartigen Briefe Benns auf der Basis all der seit der Erstedition vor vierzig Jahren publizierten Texte neu zu kommentieren“, sagt Professor Kraft. „Durch unseren Mitherausgeber Dr. Holger Hof hatten wir zudem Zugriff auf die bislang unveröffentlichten Notizhefte und Tageskalender des Dichters. Sie haben uns noch viel mehr Bezüge erkennen lassen.“

    Der dritte im Bunde der Herausgeber war Professor Harald Steinhagen (Bonn), der auch schon an der 40 Jahre alten Separat-Edition von Benns Briefen beteiligt war. Ihm hatte Oelze kurz vor seinem Tod schließlich doch noch erlaubt, auch seine Briefe zu publizieren, nachdem er das zuvor lange kategorisch ausgeschlossen hatte.

    Erste Resonanz in der Presse

    Insgesamt sechs Jahre Arbeit haben die Herausgeber in die neue Edition gesteckt. Besonders freuen sich die drei in diesen Tagen darüber, dass der Spiegel und die Literarische Welt dem Briefwechsel parallel zum Erscheinen der Bände ausführliche Artikel gewidmet haben. Radio Bremen hat zudem ein Interview mit Professor Kraft geführt.

    Wer sich einen ersten eigenen Eindruck verschaffen möchte, findet auf der Website des Verlags eine Leseprobe mit Briefen aus der Zeit direkt nach dem Kriegsende 1945.

    „Gottfried Benn – Friedrich Wilhelm Oelze. Briefwechsel 1932-1956“, herausgegeben von Harald Steinhagen, Stephan Kraft und Holger Hof, Klett-Cotta und Wallstein 2016, 4 Bände mit zusammen 2334 Seiten, 181 Abbildungen, 199 Euro. ISBN: 978-3-8353-1826-7

    Kontakt

    Prof. Dr. Stephan Kraft, Institut für deutsche Philologie, Universität Würzburg,
    T (0931) 31-83657, stephan.kraft@uni-wuerzburg.de

    Weblinks

    Zur Homepage von Prof. Dr. Stephan Kraft

    Zur Website des Wallstein-Verlags – mit einer Leseprobe aus dem Briefwechsel

    Radio Bremen: Interview mit Stephan Kraft

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