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    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

    Inklusion: Eine Herausforderung für alle

    29.09.2015

    Seit gut sechs Jahren ist die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung in Deutschland gültig. Fast so lange gibt es an der Würzburger Uni ein einzigartiges Seminar, das sich mit dem Thema „Inklusion an Schulen“ befasst. Vertreter von Sonder- und Regelschulen bieten es gemeinsam an.

    In der Grundschule ist Inklusion schon vielfach Realität. Angehende Lehrkräfte sollten sich darauf einstellen. (Foto: Gunnar Bartsch)

    In der Grundschule ist Inklusion schon vielfach Realität. Angehende Lehrkräfte sollten sich darauf einstellen. (Foto: Gunnar Bartsch)

    Es ist schon merkwürdig: Am 30. März 2007 hat Deutschland die UN- Behindertenrechtskonvention unterzeichnet, am 26. März 2009 ist das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ in Kraft getreten. Es fordert alle ratifizierenden Staaten unter anderem dazu auf, „ein integratives (inklusives) Bildungssystem auf allen Ebenen“ zu gewährleisten. Seitdem ist das Stichwort von der „Inklusiven Schule“ in aller Munde. Und trotzdem ist es im Prinzip immer noch möglich, ein Lehramtsstudium erfolgreich zu absolvieren, ohne sich mit Inklusion befassen zu müssen.

    Keine Auswirkungen auf die Lehrerbildung

    „Die Unterzeichnung hat bislang keine Auswirkungen auf die Lehrerbildung an den bayerischen Universitäten gehabt“, sagt Dr. Matthias Erhardt. In den entsprechenden Verordnungen gebe es zwar weich formulierte Soll-Regelungen; von einem Muss sei allerdings nirgendwo die Rede. „Man bremst das Thema an vielen Stellen aus“, ergänzt Cornelius Breyer.

    Matthias Erhardt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Schulpädagogik der Universität Würzburg; Cornelius Breyer ist Konrektor an der Franziskus-Schule, einem Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in Schweinfurt. Zuvor war er an den Lehrstuhl für Sonderpädagogik IV - Pädagogik bei Geistiger Behinderung der Uni Würzburg abgeordnet. Seit jetzt sechs Jahren bieten die beiden gemeinsam das Seminar „Inklusion als Herausforderung für alle“ für Lehramtsstudierende aller Schularten an. Denn auch nach sechs Jahren sind die zwei Pädagogen der Meinung: „Es gibt in diesem Bereich noch viel zu tun!“

    Das Totschlag-Argument von den hohen Kosten

    Dass Aufklärungsarbeit auch bei den Lehramtsstudierenden notwendig ist, erleben Erhardt und Breyer regelmäßig zu Beginn des Seminars, wenn die Studierenden nach ihrer Meinung zum Thema Inklusion gefragt werden. „Dann kommt oft das Totschlag-Argument: ‚Das ist doch viel zu teuer‘“, sagt Erhardt. Deshalb versuchen die beiden Dozenten in der Folge aufzuzeigen, dass diese Rechnung so nicht stimmt. Begriffsdefinitionen – was ist Inklusion, was Integration, was Segregation, rechtliche Grundlagen der Inklusion, Beispiele für eine erfolgreiche Umsetzung und anderes mehr stehen außerdem auf dem Stundenplan.

    Unter den Teilnehmern des Seminars finden sich angehende Lehrkräfte für so gut wie alle Schularten – von der Grund- über die Mittel- bis zu den verschiedenen Formen von Förderschulen und dem Gymnasium. Die bunte Mischung ist gewollt: „Inklusion ist ein Thema, das alle angeht. Immerhin besuchen in Bayern mittlerweile rund 25 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf die Regelschule“, erklärt Breyer.

    Inklusion betrifft auch Flüchtlinge

    Dabei wollen die beiden Pädagogen das Modell der inklusiven Schule nicht auf den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung reduzieren. Sie ziehen den Rahmen weiter: „Das eigentliche Thema heißt ‚Heterogenität‘. Es geht um die Frage nach dem didaktischen Umgang mit einer heterogenen Gruppe von Schülern, um Differenzierung und Individualisierung“. Fragen, die angesichts des Flüchtlingsstroms nach Deutschland bereits jetzt aktuell sind und in Zukunft mit Sicherheit aktuell bleiben werden. Schließlich kommen auch viele Flüchtlingskinder ins Land, die hier die Schule besuchen wollen und sollen. „Wenn wir mit dem Thema ‚Inklusive Schule‘ weiter wären, gäbe es schon heute eine besseres schulisches Umfeld für diese Kinder“, ist sich Cornelius Breyer sicher.

    Wie reagieren Lehrkräfte didaktisch optimal auf eine heterogene Schülerschar? Bei dieser Frage herrscht regelmäßig große Unsicherheit unter den Seminarteilnehmern, ist die Erfahrung der beiden Dozenten aus den vergangenen sechs Jahren. Besonders ausgeprägt sei diese Unsicherheit bei Studierenden der Regelschul-Lehrämter – mit Ausnahme der Grundschule. Die Gründe für diese Ausnahme liegen auf der Hand: Ein Großteil der 25 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an Regelschulen ist an Grundschulen zu finden; deutlich weniger sind es an Mittelschulen und noch weniger an Realschulen und Gymnasien.

    Wenig Wissen über die jeweils andere Schulart

    „Von daher verwundert es nicht, wenn Studierende der Grundschulpädagogik von Erfahrungen mit didaktischen Maßnahmen berichten und mitunter auch theoretische Ansätze im Umgang mit Heterogenität kennen“, sagt Matthias Erhardt. Angehende Förderschullehrer hingegen kennen sich in der Regel gut aus mit Möglichkeiten von Differenzierung und Individualisierung; viele von ihnen haben in ihren Praktika bereits entsprechende Erfahrungen gemacht.

    Was allerdings für die Lehramtsstudierenden aller Schularten gleichermaßen gilt: Sie kennen sich mit den Entwicklungen und den spezifischen Besonderheiten der jeweils anderen Schularten so gut wie gar nicht aus. Das war sogar für Matthias Erhardt und Cornelius Breyer überraschend: „Wir hatten erwartet, dass die Studierenden der Lehrämter der Regelschule sich kaum mit den sonderpädagogischen Fachrichtungen auskennen würden“, sagen sie. Dass aber auch die Sonderpädagogik-Studenten oft nicht die spezifischen Besonderheiten der jeweils anderen Fachrichtungen – Lernbeeinträchtigungen, Körperbehinderungen, Sprachstörungen, geistige Behinderung und Verhaltensstörungen – kennen: Damit hatten sie nicht gerechnet.

    Ein Forum zum Austausch und zur Anregung

    Umso wichtiger sind ihrer Meinung nach Angebote wie das von ihnen geleitete Seminar. „Regelschulen können die Aufgabe ‚Inklusion‘ nicht alleine tragen. Sie brauchen dafür die Zusammenarbeit mit den Sonderpädagogen“, sagt Breyer. Deshalb sei es für die Studierenden unerlässlich, schon frühzeitig die unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen kennen zu lernen. Ihr Seminar verstehen die beiden deshalb auch als ein Forum zum Austausch über Befürchtungen, Fragen und Ideen.

    Kontakt

    Dr. Matthias Erhardt, Lehrstuhl für Schulpädagogik, T: (0931) 31-86803,
    matthias.erhardt@uni-wuerzburg.de

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