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    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

    Inklusion unter der Lupe der Wissenschaft

    23.02.2016

    Den Prozess der Inklusion an unterfränkischen Schulen in Theorie und Praxis begleiten: Dieses Ziel verfolgen seit gut einem Jahr zwei Projektstellen, eine an der Uni Würzburg und eine an der Don Bosco Berufsschule. Im April laden sie alle Interessierten zu einer ersten Fachtagung in Lohr ein.

    Fortbildung zum Thema Inklusion

    Die Diskussion um das Thema "Inklusion" wird in Deutschland hoch emotionalisiert diskutiert. Zwei neue Projektstellen wollen sie versachlichen und wissenschaftlich fundieren. (Foto: Gunnar Bartsch)

    Förderschulen abschaffen und alle Kinder, egal ob mit oder ohne Förderbedarf, in dieselben Einrichtungen schicken. Oder: Erst einmal abwarten und das bisherige System aus Regel- und Förderschulen bestenfalls behutsam modifizieren. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich momentan die Reaktionen der Bundesländer auf das In-Kraft-Treten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland vor gut sieben Jahren. Dementsprechend groß sind die Unterschiede in der Statistik: Während beispielsweise in Bremen, Hamburg und Berlin die Mehrheit der Förderschüler an Regelschulen lernt, sind es in Hessen weniger als ein Viertel. Bayern liegt knapp über dieser Marke: Hier besuchen aktuell 26,2 Prozent aller Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule.

    Die Projektstelle Inklusion

    Den Inklusionsprozess wissenschaftlich zu begleiten, ist Aufgabe einer neuen Projektstelle an der Universität Würzburg. Mit Fragen der beruflichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen beschäftigt sich die Projektstelle Inklusion und berufliche Teilhabe an der Don Bosco Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung. Gefördert von der Caritas-Schulen gGmbH und der Caritas-Stiftung Würzburg sollen sie in den kommenden drei Jahren an Unterfrankens Schulen das Thema „Inklusion“ voranbringen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den zahlreichen Caritas-Schulen in der Region.

    „Die Verwirklichung des Inklusionsgedankens wird in Deutschland hoch emotionalisiert diskutiert. Wir wollen diese Diskussion versachlichen und wissenschaftlich fundieren“, beschreibt Pierre-Carl Link das Ziel dieser Arbeit. Link ist Mitarbeiter am Lehrstuhl für Pädagogik bei Verhaltensstörungen der Universität Würzburg und begleitet dort die „Wissenschaftliche Projektstelle Inklusion“. Ramona Eck  konzentriert sich im Rahmen der „Projektstelle Inklusion und berufliche Teilhabe“ auf die Don-Bosco-Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung Würzburg und auf die beruflichen Schulen der Region.  

    Der kritische Blick von außen

    Hauptaufgabe von Pierre-Carl Link ist es, den durch die UN angestoßenen Prozess kritisch und wissenschaftlich zu begleiten und, wenn möglich, konstruktiv voranzubringen. Er liefert dafür den Blick von außen. Wie müssen sich Regelschulen verändern, wenn immer mehr Kinder mit Förderbedarf dort den Unterricht besuchen? Wie müssen Förderschulen auf diese Entwicklung reagieren? Welcher Bedarf besteht überhaupt? Für wen ist welche Kategorie des Förderunterrichts geeignet? Welche Konzepte gibt es bereits? Und wie viel setzen die Schulen davon um? Auf diese und weitere Fragen sucht Pierre-Carl Link nach Antworten – in der Fachliteratur, aber auch vor Ort im Interview mit Schulleitern und beim Besuch von Schulen und besonderen Einrichtungen.

    Handlungskonzepte für die Schule

    Im Mittelpunkt von Ramona Ecks Arbeit steht das Ziel, inklusive Handlungskonzepte für Berufsschulen zu analysieren, deren Umsetzung zu organisieren und anschließend ebenfalls wissenschaftlich aufzuarbeiten. Dafür begleitet sie das von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte „SchulLabor“, ein Netzwerk mit Vertretern beruflicher Schulen unter Einbezug regionaler Akteure der beruflichen Bildung. Konkret bedeutet das beispielsweise, dass in Arbeitsgruppen Aufgabenblätter in einfache Sprache umgeschrieben werden. „Viele Aufgabenblätter sind heute für Schüler mit besonderem Förderbedarf oder Migrationshintergrund schwer verständlich“, sagt sie. Deshalb werden Texte überarbeitet, die Sprache angepasst, die Struktur geändert – und dabei wird darauf geachtet, dass der fachliche Inhalt nicht verloren geht. Zusätzlich arbeitet sie an einer wissenschaftlichen Analyse der unterschiedlichen Zugänge zum Arbeitsmarkt für Menschen mit Beeinträchtigungen.

    Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Inklusion

    Ihre Ergebnisse präsentieren Pierre-Carl Link und Ramona Eck unter anderem in der sogenannten „Arbeitsgemeinschaft Index für Inklusion“ den Schulleitungen der Caritas-Schulen in Unterfranken. „An den Schulen herrscht eine große Nachfrage nach differenzierten Informationen zum Thema ‚Inklusion‘“, sagt Link. Sowohl Lehrer als auch Schulleiter wünschten sich deutlich mehr an Theorie-Input. Den liefern ihnen die beiden Pädagogen auf den regelmäßigen Treffen der Arbeitsgemeinschaft und in einem Newsletter.

    An einen größeren Kreis von Interessenten wendet sich die Tagung „Schulische Inklusion und Übergänge“, die die beiden derzeit organisieren. Sie findet am 7. April in Lohr statt und beleuchtet das Thema in mehreren Vorträgen und Seminaren aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

    Der Modellversuch „Projektstelle Inklusion“ soll insbesondere folgenden Zwecken gerecht werden:

    •    Bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auch besondere Einrichtungen mitnehmen;

    •    pädagogische Inklusionspraxis und wissenschaftliche Expertise zusammenführen;

    •    pädagogische Praxis durch gezielte Beratung und Impulse unterstützen – sowie

    •    eine prozessorientierte wissenschaftliche Begleitung stärker inklusiver Beschulung leisten.

    Die Illusion von der vollständigen Inklusion

    Wie sehen eigentlich die beiden Wissenschaftler den von der UN angestoßenen Prozess? „Wir vertreten die dahinter stehende Idee voll und ganz“, sagt Pierre-Carl Link. Allerdings sei die Auslegung das Problem, ergänzt Ramona Eck. Eine vollständige Inklusion ist in ihren Augen Illusion; Förderschulen abzuschaffen halten sie für den falschen Weg. Schließlich verfüge Deutschland über ein sehr gutes System von Bildungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen und speziellem Förderbedarf, in denen die Bedürfnisse und das Wohl der Schüler im Mittelpunkt stünden.

    Das allerdings hilft nicht viel, wenn die Besucher dieser Schulen im Anschluss mit der gesellschaftlichen Realität konfrontiert werden. Dort sind nämlich erfolgreiche Abschlüsse Voraussetzung für den Einstieg in den Beruf, und wer diese Hürde überwunden hat, muss Leistung bringen. Und so werde die Suche nach dem richtigen Weg zwischen pädagogischem Ideal und der Realität zu einem schwierigen Balanceakt mit ungewissem Ausgang.

    Kontakt

    Pierre-Carl Link, Wissenschaftliche Projektstelle Inklusion, Lehrstuhl für Sonderpädagogik V - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
    T: (0931) 31-82991, pierre-carl.link@uni-wuerzburg.de

    Ramona Eck, Projektstelle Inklusion und berufliche Teilhabe, Don Bosco Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung
    T: (0931) 43055, inklusion@dbs-wuerzburg.de

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