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    Suchtprävention am Arbeitsplatz: Frühes Ansprechen ist Hilfe

    27.06.2017 | CAMPUS
    Seit 20 Jahren gibt es die Suchtberatungsstelle der Universität – und genauso lange ist Katja Beck-Doßler deren Leiterin. (Foto: Robert Emmerich)

    Seit 20 Jahren gibt es die Suchtberatungsstelle der Universität – und genauso lange ist Katja Beck-Doßler deren Leiterin. (Foto: Robert Emmerich)

    In diesem Jahr feiert die Suchtberatungsstelle der Universität ihr 20-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass hat der Arbeitskreis Suchthilfe das Thema „Betriebliche Suchtprävention“ in den Mittelpunkt seiner diesjährigen Fortbildungsveranstaltung in der Neubaukirche gestellt.

    Sie ist ein „jugendliches Fossil“. Mit diesen Worten hat Professor Jobst Böning die Tatsache umschrieben, dass Katja Beck-Doßler seit nunmehr 20 Jahren – und damit von Anfang an – als Suchtbeauftragte für die Beschäftigten der Universität und des Universitätsklinikums die Suchtberatungsstelle der Universität leitet. Böning ist emeritierter Professor für Psychiatrie am Zentrum für Psychische Gesundheit und Mitglied im Arbeitskreis Suchthilfe der Uni. Im Rahmen einer kleinen Feier in der Neubaukirche gratulierte Böning der Diplom-Psychologin Beck-Doßler zum Jubiläum.

    Rechtzeitiges Eingreifen hilft allen

    20 Jahren Suchthilfe bedeuten viele Jahre, in denen sie ganz unterschiedliche Beispiele von Suchtmittelauffälligkeiten am Arbeitsplatz erlebt hat, erzählt Katja Beck-Doßler. Da war die Professorin, die sich jeden Abend mit einer Flasche Rotwein in ihr Zimmer zurückzog und bis tief in die Nacht arbeitete, so dass aus einer immer öfter zwei Flaschen Wein wurden. Da war der Dozent, über dessen Fahne die Studierenden tuschelten. Und da war der Verwaltungsbeamte, der häufig kurzzeitig von seiner Frau krank gemeldet wurde, seinem Vorgesetzten aus dem Weg ging und versuchte, diesen über seine tatsächliche Arbeitsleistung im Unklaren zu lassen.

    „Mir wurde ganz schwindelig, als wir ausgerechnet haben, wie viel ich im Laufe der Zeit getrunken habe. Da will ich nie wieder hin. Bin ich froh, dass ich den jetzigen Weg gewählt habe.“ So spricht ein Suchtkranker, der dank der Intervention von Arbeitgeber und Kollegen einen Weg gefunden hat, mit seiner Sucht zu leben. „Wenn Führungskräfte und Personalverantwortliche bei Suchtmittelauffälligkeiten rechtzeitig eingreifen, profitieren alle – Betroffene, Kollegen und Vorgesetzte“, sagt Beck-Doßler. Erst durch eine offene Kommunikation und das Ansprechen von Problemen könne eine von gegenseitigem Vertrauen und Wertschätzung geprägte Arbeitsatmosphäre entstehen, die die Grundlage für ein produktives und konstruktives Miteinander darstellt, so die Psychologin.

    Die Sorge, der betroffenen Person zu schaden, hielte viele Menschen davon ab, auffälliges Verhalten anzusprechen, so die Erfahrung von Katja Beck-Doßler. „Ich hätte den Kollegen schon vor drei Jahren ans Messer liefern können“, lautet ein Ausspruch, den sie wiederholt zu hören bekam. Dabei hätte ein direktes Ansprechen mit Sicherheit mehr Nutzen als Schaden gehabt. „Aufgrund seiner Probleme hatte der Betroffene eine Depression entwickelt, sein Gehör war durch einen Hörsturz massiv geschädigt, und er hatte Herzprobleme bekommen“, schildert die Psychologin. Wenn sein Problem eher angesprochen worden wäre, und er eine Behandlung hätte beginnen können, wäre ihm das womöglich erspart worden.

    Kombination aus Druck und Hilfe

    Das Prinzip der Suchtberatung ist sehr simpel, erläutert Beck-Doßler: Ein Vorgesetzter spricht das auffällige Verhalten an und übt damit dienstlichen Druck aus. Gleichzeit erhält der Betroffene ein Hilfsangebot über die Beratungsstelle, die ihm den Zugang zum Suchthilfesystem ebnet. „Die meisten Menschen hängen an ihrem Job und wollen diesen nicht verlieren. Das ist eine gute Motivation, sich selbst einem Problem zu stellen und dieses anzugehen“, sagt sie.

    Und was motiviert Katja Beck-Doßler auch nach 20 Jahren, dieses Thema zu bearbeiten? „Wenn mir wieder einmal jemand mit verschmitztem Lächeln sagt, ‚Ich war sehr getroffen, ja wütend, auf das Thema Alkohol mit so deutlichen Worten angesprochen zu werden und eine stationäre Behandlung nahegelegt zu bekommen. Aber jetzt, nur zwei Wochen nach Beginn des Klinikaufenthaltes, geht es mir so gut, wie lange nicht in meinem Leben‘“. Mit dieser Erfahrung falle es ihr leicht, bei den Führungskräften für diese Vorgehensweise zu werben, auch wenn klar ist, dass diese Aufgabe für jeden Vorgesetzten unangenehm ist. Schließlich könne er davon ausgehen, dass sein Gegenüber ihm dies übelnimmt und damit die Beziehung belastet ist.

    Selbstverständlich bietet die Beratungsstelle der Uni den Vorgesetzten in dieser schwierigen Situation Unterstützung an. Tatsächlich macht die Beratung von direkt „Betroffenen“ nur etwa ein Drittel ihrer Tätigkeit als Suchtberaterin aus. „Das zweite Drittel stellen Führungskräfte, die sich beraten lassen“, erklärt Katja Beck-Doßler. Und das dritte Drittel? Das seien Kontakte mit Kollegen, Angehörigen oder anderen „Funktionsträgern“ wie Personalräten und Betriebsärzten, so die Psychologin.

    Rekord-Teilnehmerzahl zeigt die Brisanz des Themas

    Dass das Thema „Sucht und Gesundheit am Arbeitsplatz“ heute mindestens so aktuell und brisant ist wie vor 20 Jahren, zeigt die Resonanz auf die Veranstaltung, die der Arbeitskreis Suchthilfe der Uni Würzburg zusammen mit dem Kooperationspartner – der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen – am 20. Juni angeboten hat. Mit über 250 Teilnehmenden aus Behörden, Betrieben, kirchlichen und sozialen Einrichtungen konnte die Vortragsveranstaltung einen neuen Besucherrekord verzeichnen. Renommierte Experten beleuchteten in ihren Vorträgen den betrieblichen Umgang mit Suchtmittelauffälligkeiten aus arbeitswissenschaftlicher, medizinischer, psychologischer und juristischer Sicht.

    Interessenten erhalten die Präsentationen der Referenten auf Wunsch in der Suchtberatungsstelle.

    Eine eindeutige Win-win-Situation

    „Es gibt kaum ein Arbeitsplatz-Problem, dessen Lösung eine so eindeutige Win-win-Situation darstellt, wie ein Suchtproblem“: Mit diesen Worten hatte zuvor Uni-Kanzler Dr. Uwe Klug die Besucher der Fortbildungsveranstaltung begrüßt. Ein Gewinn sei die Lösung zunächst natürlich für den Betroffenen, der sein Suchtproblem in den Griff bekommt. Aber genauso auch für den Arbeitgeber, der auf diese Weise einen oft langjährigen und geschätzten Mitarbeitenden behält. „Und ebenso profitieren die Kolleginnen und Kollegen, die nicht selten die Arbeit für den Betroffenen mitmachen müssen beziehungsweise mussten“, so Klug.

    Links

    Suchtberatung

    Arbeitskreis Suchthilfe

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    Katja Beck-Doßler, T: (0931) 31-82021, katja.beck-dossler@uni-wuerzburg.de

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