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    Wie Kinder Sinnzusammenhänge herstellen

    28.03.2017 | AUSZEICHNUNGEN
    Grundschulkinder tun sich schwer damit, bestimmte Satzverknüpfungen zu verstehen. Das hat Julia Knoepke herausgefunden. (Foto: Gunnar Bartsch)

    Grundschulkinder tun sich schwer damit, bestimmte Satzverknüpfungen zu verstehen. Das hat Julia Knoepke herausgefunden. (Foto: Gunnar Bartsch)

    Julia Knoepke hat die Entwicklung des Leseverstehens bei Kindern in der Grundschule untersucht. Dafür hat sie jetzt den Publikationspreis der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung erhalten.

    „Lena war zu lange in der Sonne. Darum bekam sie einen Sonnenbrand.“ Diese Verknüpfung zweier Sätze verstehen vermutlich die meisten Menschen – ohne groß darüber nachzudenken. Aber wie sieht es mit diesem Beispiel aus: „Sandra war nicht müde. Trotzdem ging sie ins Bett.“? Gut möglich, dass der ein oder andere in diesem Fall erst einmal nachdenken muss, ob die Zusammenstellung tatsächlich sinnvoll und logisch ist. Und wie sieht das bei Kindern im Grundschulalter aus? Kommen sie mit solchen Sätzen klar – und wenn ja, ab welchem Alter?

    Mit solchen Fragen hat sich Dr. Julia Knoepke in ihrer Studie beschäftigt – zusammen mit Professor Tobias Richter (Universität Würzburg), Dr. Maj-Britt Isberner (Universität Kassel), Professor Johannes Naumann (Universität Frankfurt am Main), Yvonne Neeb (DIPF) und Professor Sabine Weinert (Universität Bamberg). Die Ergebnisse hat Julia Knoepke im Rahmen ihrer Doktorarbeit veröffentlicht; dafür hat sie jetzt den Publikationspreis der Gesellschaft für Empirische Bildungsforschung erhalten. Überreicht wurde ihr die mit 500 Euro dotierte Auszeichnung während der Jahrestagung 2017 am 13. März.

    „Vereinfacht gesagt, haben wir untersucht, wie Kinder und Erwachsene Sinnzusammenhänge zwischen zwei Sätzen herstellen“, erklärt Julia Knoepke. 422 Kindern aus Grundschulen in Kassel, Frankfurt und Köln sowie 78 Studierenden wurden dafür eine Reihe von Satzpaaren aus dem ProDi-L Lesetest gezeigt; anschließend wurde gemessen, wie lange die Testteilnehmer brauchten, bis sie entschieden hatten, ob die Verknüpfungen sinnvoll oder sinnlos waren, und wie akkurat ihre Urteile ausfielen.

    Verschiedene Arten von Satzverknüpfungen

    „Weil die Sonne scheint, setzt Anton eine Sonnenbrille auf“: Dieser Satz ist aus Sicht der Wissenschaft ein gutes Beispiel für ein sogenanntes kohärent positiv-kausales Satzpaar, das eine Ursache und ihre Konsequenz verknüpft.

    Anders in diesem Beispiel: „Thomas war krank. Trotzdem ging er zum Fußball-Training.“ Auch hier stimmt der Sinnzusammenhang. Wegen der darin enthaltenen Negation – es es tritt nicht die erwartete Konsequenz ein –, die durch „trotzdem“ signalisiert wird, handelt es sich allerdings um eine kohärent negativ-kausale Verknüpfung.

    Darüber hinaus bekamen die Teilnehmer Sätze präsentiert, in denen der Zusammenhang nicht gegeben war. In der positiv-kausalen Verknüpfung klingt das so: „Roland hat verschlafen. Darum kommt er pünktlich zur Schule“. Die negativ-kausale Version lautet: „Das Wetter war gut. Trotzdem setzte Laura eine Sonnenbrille auf.“

    Zusätzlich mussten Kinder und Studierende Sätze bewerten, in denen semantische Regeln mehr oder wenig stark verletzt worden waren. Beispielsweise: „Antje geht gerne Skifahren. Dabei trägt er blaue Handschuhe.“ Oder: „Die Löwen brüllen laut. Dann wiegt es weniger.“

    Mit steigender Komplexität wächst die Fehlerrate

    „Die Theorie, die hinter dieser Untersuchung steht, geht davon aus, dass die unterschiedlichen Satzzusammenhänge einen unterschiedlichen Grad an Komplexität besitzen“, erklärt Julia Knoepke. Positiv-kausale Varianten weisen ein geringeres Maß an Komplexität auf, negativ-kausale Sätze ein hohes. Dementsprechend leicht oder schwer seien sie zu verarbeiten. Und je höher die Komplexität, desto länger dauere es, bis man sie verstanden habe. Zusätzlich nehme die Fehlerhäufigkeit mit dem steigenden Schwierigkeitsgrad zu.

    Während es für das Englische und das Niederländische vergleichbare Studien bereits gebe, habe es bis zu ihrer Arbeit im Deutschen noch keine umfassende Untersuchung auf diesem Gebiet gegeben, erklärt die Wissenschaftlerin. Unklar sei bislang auch gewesen, bis zu welchem Alter sich die notwendigen Verstehensprozesse entwickeln und – damit einhergehend – ob von Kindern in der Grundschule schon erwartet werden darf, dass sie die jeweiligen Satzpaarungen mühelos verstehen.

    Konsequenzen für die Praxis

    Die Antworten auf diese Fragen liegen jetzt vor: „Wir konnten zeigen, dass Kinder in der 1. und 2. Klasse große Schwierigkeiten haben, negativ-kausale Satzverknüpfungen zu verstehen“, sagt Julia Knoepke. Bei ihnen liege die Fehlerrate bei diesen Beispielen sogar deutlich unterhalb der Ratewahrscheinlichkeit. Und auch wenn das Verständnis im Laufe der Grundschulzeit zunehme, zeigten sich am Ende der 4. Klasse immer noch deutliche Schwierigkeiten bei der Interpretation – so die Wissenschaftlerin. Vergleichbar der Befund bei den Erwachsenen: Auch diese tun sich mit der Verarbeitung negativ-kausaler Satzverknüpfungen schwerer als mit der Verarbeitung positiv-kausaler Verknüpfungen – allerdings nicht ganz so deutlich ausgeprägt wie Kinder.

    Auch wenn Julia Knoepke ihre Studie als „Grundlagenforschung“ bezeichnet, ist sie doch davon überzeugt, dass die Ergebnisse Konsequenzen für die Praxis haben sollten. „Man ist bisher davon ausgegangen, dass Kinder solche Satzpaarungen mühelos verstehen können, weil sie sie bereits vor dem Eintritt in die Grundschule selbst produzieren. Das aber stimmt nicht“, sagt sie. Darauf müssten Lehrkräfte in der Schule Rücksicht nehmen, wenn sie Kindern Aufgaben stellen – nicht nur im Deutschunterricht. „Auch bei Sachaufgaben im Mathematikunterricht beispielsweise muss darauf geachtet werden, dass die Sätze so formuliert sind, dass die Kinder sie gut verstehen können.“ Sie empfiehlt deshalb, ein gezieltes Training, das das Verstehen verschiedener Sinnzusammenhänge fördert, als festen Punkt in den Lehrplan aufzunehmen.

    Zur Person

    Julia Knoepke (32) hat an der Humboldt-Universität in Berlin Linguistik studiert. Nach ihrem Master ist sie für ein sprachpsychologisches Forschungsprojekt an die Universität Kassel gewechselt und wurde dort im Fach „Psychologie“ promoviert. Dort war sie zuletzt Geschäftsführerin in dem durch das Land Hessen geförderten LOEWE-Forschungsschwerpunkt „Wünschenswerte Erschwernisse beim Lernen“.

    Im September 2016 ist Julia Knoepke an die Universität Würzburg gewechselt. Hier lehrt und forscht sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Psychologie IV – Pädagogische Psychologie.

    Kontakt

    Dr. Julia Knoepke, T: (0931) 31-83879, E-Mail: julia.knoepke@uni-wuerzburg.de

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