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15.04.2014

Exorzismus-Fall aufgearbeitet

Die Historikerin Petra Ney-Hellmuth von der Universität Würzburg hat ihre Dissertation zum Exorzismus von Klingenberg vorgestellt. Ein Fazit daraus: Die Berichterstattung der Presse über den Fall fiel nicht so vorverurteilend aus, wie es in Kirchenkreisen befürchtet wurde.

Bei der Vorstellung des Buches „Der Fall Anneliese Michel – Kirche, Justiz, Presse“: Ingrid Heeg-Engelhart vom Staatsarchiv Würzburg, Generalvikar Karl Hillenbrand, Autorin Petra Ney-Hellmuth, Professor Wolfgang Altgeld und Professor Johannes Merz, Direktor des Diözesanarchivs Würzburg. Foto: Bernhard Schweßinger, POW

Bei der Vorstellung des Buches „Der Fall Anneliese Michel – Kirche, Justiz, Presse“ (von links): Ingrid Heeg-Engelhart vom Staatsarchiv Würzburg, Generalvikar Karl Hillenbrand, Autorin Petra Ney-Hellmuth, Professor Wolfgang Altgeld und Professor Johannes Merz, Direktor des Diözesanarchivs Würzburg. Foto: Bernhard Schweßinger, POW

Erstmals gibt es eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Exorzismus von Klingenberg aus der Mitte der 1970er-Jahre: „Der Fall Anneliese Michel. Kirche, Justiz, Presse“, so heißt die Dissertation von Petra Ney-Hellmuth vom Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg. Die Autorin befasst sich darin mit den Geschehnissen um die 1976 gestorbene 23-jährige Studentin Anneliese Michel.

Zusammen mit ihrem „Doktorvater“ Professor Wolfgang Altgeld stellte Ney-Hellmuth das Buch am 4. April im Diözesanarchiv Würzburg vor. Für die wissenschaftliche Arbeit hatte sie eigens Sondergenehmigungen zur Eröffnung der Akten des Staatsarchivs und des Diözesanarchivs Würzburg erteilt bekommen.

Todesursache öffentlich falsch dargestellt

Ein Ergebnis der Arbeit: Mehrere Details des Falls wurden bisher in der Öffentlichkeit falsch dargestellt. So wurde beispielsweise der Exorzismus mit der Todesursache gleichgesetzt. Für Ney-Hellmuth ist das der größte Fehler in der öffentlichen Darstellung. „Der Exorzismus ist ein Gebet in einer seelsorglichen Betreuungssituation.“ Gestorben sei die epilepsiekranke junge Frau, über die zwischen September 1975 und Juni 1976 der Große Exorzismus gesprochen worden war, jedoch an Unterernährung.

Der damalige Bischof Josef Stangl habe den Großen Exorzismus genehmigt und den beiden Priestern, Anneliese Michels „Seelenführer“ Ernst Alt und dem Exorzisten Pater Arnold Renz, vertraut, die später wegen unterlassener Hilfeleistung verurteilt wurden. Michel selbst und deren Familie hatten ärztliche Hilfe verweigert und auf eine spirituelle Lösung gesetzt. Das Fehlen einer ärztlichen Begleitung sei nicht Stangl anzulasten; die Schuldfrage sei spekulativ.

Exorzismus-Ritus überarbeitet

Ein weiteres Ergebnis der Untersuchung: Die Presseberichterstattung über die Klingenberger Ereignisse fiel nicht so vorverurteilend aus wie in Kirchenkreisen befürchtet und von der Verteidigung der angeklagten Alt und Renz bemängelt. Nachweislich neu entfacht hatte der Exorzismus allerdings die Diskussion über die Realexistenz des Bösen.

Eine Folge der Ereignisse war laut Ney-Hellmuth, dass der Exorzismus-Ritus überarbeitet wurde, dass seitdem beim Exorzismus auch ein Arzt miteinbezogen werden muss und dass letztlich in Deutschland und vor allem in der Diözese Würzburg der Exorzismus ein sehr tabuisiertes Thema ist. Von konservativ-traditionalistischen Kreisen werde dagegen noch heute der Fall Michel instrumentalisiert, um gegen die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils vorzugehen.

Knapp 4000 Zeitungsartikel untersucht

Für Wolfgang Altgeld ist die Dissertation eine zeitgeschichtliche und keine kirchen- und theologiegeschichtliche Arbeit. Bei der Entwicklung der Idee zu dieser Doktorarbeit sei es zunächst allein darum gegangen, anhand von knapp 4000 Zeitungsartikeln die öffentliche Resonanz der Vorkommnisse von Klingenberg zu untersuchen und in die zeitgeschichtlich auffällige soziokulturelle und politische Umbruchphase der späteren 1970er-Jahre einzuordnen.

Die Auseinandersetzung um die terroristische Rote-Armee-Fraktion RAF, die Debatte um die Zwangsernährung von hungerstreikenden RAF-Häftlingen, die Nato-Nachrüstung sowie die schnellen Papstwechsel nannte er als Beispiele für diese Umbruchszeit, in der die öffentliche Meinung unsicher geworden sei. Ihm sei es bei der Begleitung der Arbeit darum gegangen, den Fall Klingenberg vor diesem Hintergrund besser zu verstehen.

Vertrauen bei Archiven aufgebaut

„Wir konnten nicht hoffen, dass eigentlich noch lange gesperrte Archivalien eröffnet würden“, sagte Altgeld. Es sei die Leistung von Ney-Hellmuth gewesen, Vertrauen bei den zuständigen Archiven aufzubauen, um die Akten des Staatsarchivs und des Diözesanarchivs Würzburg für die wissenschaftliche Forschung vorzeitig zu eröffnen, unterstrich Altgeld.

Mit Hilfe dieser Akten hätten dann das tatsächliche Geschehen von Klingenberg, die Vorkommnisse um die leidende Anneliese Michel, aufgezeigt und bisherige Veröffentlichungen teils richtig gestellt werden können – „auch vieles zum Verhalten des damaligen Bischofs Josef Stangl“.

Ausdrücklich betonte Altgeld, dass es keinerlei Beeinflussung durch die betroffenen Akteure gegeben habe. Und er legte auch Wert auf die Tatsache, dass weder er noch die Autorin katholisch seien. Entstanden ist nach den Worten Altgelds eine sorgfältige Darstellung des Falls selbst und der öffentlichen Resonanz – ein Produkt, in das die Autorin in den Jahren 2009 bis 2013 enorm viel Arbeit investiert habe.

Grundlagen der Dissertation

Für Ney-Hellmuth bedeutete die wissenschaftliche Aufarbeitung „allein fast ein Jahr Archivarbeit“. Sie studierte die im Staatsarchiv Würzburg aufbewahrten, bisher nicht zugänglichen Ermittlungsakten der Kriminalpolizeiinspektion Aschaffenburg 1 sowie der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Aschaffenburg. Hinzu kamen die Akten des Diözesanarchivs. Zudem berücksichtigte sie die Pfarrarchive von Aschaffenburg-Sankt Agatha, Klingenberg, Rück-Schippach und Ettleben.

Zuschriften an Bischof Stangl und an die Aschaffenburger Staatsanwaltschaft sowie Leserbriefe in den Zeitungen haben nach den Worten der Autorin einen Querschnitt der öffentlichen Meinung gespiegelt, die in enger zeitlicher Nähe zum Klingenberger Exorzismusfall vorgeherrscht habe. So ergebe sich ein breites Spektrum von „Volkes Stimme“.

„Zeichen für Wandel der Kirchenleitungen“

Archivdirektor Professor Johannes Merz vom Diözesanarchiv Würzburg wertet die Eröffnung der kirchlichen Akten für die wissenschaftliche Forschung als einen Beleg für einen Wandel der Kirchenleitungen, als Zeichen der Professionalisierung des kirchlichen Archivwesens. Es sei ein Glücksfall, dass Professor Altgeld den Fall Klingenberg aufgegriffen und als Dissertationsthema vergeben habe. „Eine geschichtswissenschaftlich seriöse Aufarbeitung erschien überfällig.“

Petra Ney-Hellmuth: „Der Fall Anneliese Michel. Kirche, Justiz, Presse“. 302 Seiten, 29,80 Euro. Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2014, ISBN 978-3-8260-5230-9

Quelle: Pressestelle Ordinariat Würzburg, POW