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14.04.2015

Narrenschiff steuert ins digitale Zeitalter

Eine Moralsatire aus dem 15. Jahrhundert in einer immer noch modernen Aufmachung: Das ist das „Narrenschiff“, ein Bestseller seiner Zeit. Wissenschaftler machen das Schiff nun flott fürs 21. Jahrhundert. Sein Heimathafen ist Kallimachos, das Digital-Humanities-Zentrum der Unibibliothek Würzburg.

Der Büchernarr: Hier macht sich Sebastian Brants anno 1494 über Zeitgenossen lustig, die Bücher sammeln, sie aber nicht lesen. Gedruckte Bücher gab es damals erst seit wenigen Jahrzehnten.

Der Büchernarr: Hier macht sich Sebastian Brants anno 1494 über Zeitgenossen lustig, die Bücher sammeln, sie aber nicht lesen. Gedruckte Bücher gab es damals erst seit wenigen Jahrzehnten.

Deutsche, lateinische und französische Bearbeitungen des Büchernarren aus Narrenschiff-Ausgaben vor 1500.

Deutsche, lateinische und französische Bearbeitungen des Büchernarren aus Narrenschiff-Ausgaben vor 1500.

Auf dem Laptop zeigen Brigitte Burrichter und Joachim Hamm eine Darstellung aus dem Narrenschiff. (Foto: Robert Emmerich)

Auf dem Laptop zeigen Brigitte Burrichter und Joachim Hamm eine Darstellung aus dem Narrenschiff. (Foto: Robert Emmerich)

Titelbild des Narrenschiffs von Sebastian Brant (1494). Kein Segel, kein Ruder, und doch stechen die Narren frohgemut in See. Unter dem Bild ist zu lesen: „zuo schyff zuo schyff bruoder: eß gat, eß gat (zu Schiff, zu Schiff Brüder, es fährt, es fährt).

Titelbild des Narrenschiffs von Sebastian Brant (1494). Kein Segel, kein Ruder, und doch stechen die Narren frohgemut in See. Unter dem Bild ist zu lesen: „zuo schyff zuo schyff bruoder: eß gat, eß gat (zu Schiff, zu Schiff Brüder, es fährt, es fährt).

„Jetzt lernen Männer Weiberart, und schmieren sich mit Affenschmalz, und lassen am entblößten Hals viel Ring' und goldne Ketten sehn.“ In diesen Zeilen könnte man glatt einen Spottreim auf metrosexuelle Männer wie den britischen Fußballer David Beckham vermuten. Tatsächlich aber stammen sie aus einem Buch des 15. Jahrhunderts, dem „Narrenschiff“. Dessen Verfasser, Sebastian Brant aus Straßburg (1457–1521), nimmt darin das modische Gebaren seiner Zeitgenossen und Anderes satirisch auf die Schippe.

Mit spitzer Feder beschreibt Brant menschliche Schwächen und veranschaulicht sie in der Figur des Narren. Neben den Modenarren nimmt er sich zum Beispiel die Büchernarren vor – Menschen, die Unmengen von Büchern sammeln, sie aber nicht lesen. Insgesamt lässt Brants in seinem Werk 109 Typen von Narren auftreten; jedem davon widmet er genau zwei, gelegentlich auch vier Druckseiten.

Das Narrenschiff schlug beim Publikum wie eine Bombe ein. Seine Erstausgabe wurde 1494 in deutscher Sprache in Basel gedruckt, und nur sechs Jahre später gab es in ganz Europa schon 28 verschiedene Ausgaben: Neuauflagen und Raubdrucke in deutscher Sprache, außerdem Übersetzungen ins Lateinische, Niederdeutsche, Französische, Niederländische und Englische.

Starke Bebilderung und klares Layout

Warum wurde das Buch zu einem Bestseller? Nur am Geläster über menschliche Narreteien lag es nicht, denn Satirisches war in der Literatur auch vorher bekannt. „Aber eine Moralsatire in dieser ganz speziellen Aufmachung wie im Narrenschiff gab es bis dahin noch nie“, sagt Professor Joachim Hamm, Germanist und Literaturwissenschaftler von der Universität Würzburg.

Völlig neu war die Darstellung menschlicher Schwächen an der Figur des Narren. Innovativ kam das Narrenschiff auch mit einer durchgängigen Bebilderung und der bis dahin unüblichen Verknüpfung von Text und Bild daher: Jede Überschrift hat einen Bezug zum dazugehörigen Bild, und auch in den Texten kommen Details aus den Abbildungen zur Sprache.

Brant hielt sich außerdem strikt an ein einheitliches Layout. Auf zwei Druckseiten folgen in jeweils gleicher Anordnung ein kurzes Motto, Bild, Titel und Text. Ein klares und aufgeräumtes Erscheinungsbild – das sind auch noch im Jahr 2015 gestalterische Vorgaben, denen viele Magazine huldigen.

Initialzündung für die Narrenliteratur

So also sahen die neuen Zutaten aus, die die Leserschaft am Ende des 15. Jahrhunderts elektrisierten. Diese Pionierarbeit blieb nicht ohne Folgen: In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einer geradezu explosiven Vermehrung der satirischen Narrenliteratur, „das zieht sich komplett durch das 16. Jahrhundert durch“, erklärt Hamm. Die Schildbürger und Till Eulenspiegel etwa hätte es ohne Brants‘ Initialzündung wohl nicht gegeben.

Kein Wunder, dass das Narrenschiff als Schlüsseltext der Frühen Neuzeit gilt, als das erfolgreichste deutsche Buch vor Goethes Werther. Umso erstaunlicher ist es, dass die literaturwissenschaftliche Forschung seine Bearbeitungen bislang eher vernachlässigt hat. „Die deutschen Versionen sind zwar gut erforscht, die französischen und die in den anderen Sprachen aber nur wenig“, sagt die Würzburger Professorin Brigitte Burrichter, Romanistin und Literaturwissenschaftlerin.

Digitale Edition als Fernziel

Wie gestalteten sich die Übersetzungen des Narrenschiffs? Wurden die Bilder und das Layout verändert? Was wurde am Text weggelassen, hinzugefügt oder umgestellt? Die „Affenschmalz-Passage“ über die Modenarren zum Beispiel fehlt in der lateinischen Version – vielleicht wusste der Übersetzer einfach nicht, wie er das Wort „Affenschmalz“ übersetzen sollte?

Solche Fragen wollen Brigitte Burrichter und Joachim Hamm an acht ausgewählten Versionen des Werkes untersuchen, die vor 1500 erschienen sind. Zusätzlich betrachten sie die erste englische Fassung des Narrenschiffs von 1509.

Ziel der Wissenschaftler ist eine digitale, öffentlich zugängliche Edition. Sie soll das komplexe Seitenlayout der Narrenbücher und deren Intermedialität veranschaulichen. Die historischen Text-, Bild- und Layout-Transformationen werden darin dokumentiert, die geschichtliche Eigenbewegung des Narrenschiffs wird mit Kommentaren erläutert.

Frakturschriften für Computer lesbar machen

Dabei kooperieren die Würzburger Literaturexperten mit Informatikern an der Würzburger Universitätsbibliothek und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern, denn sie verfolgen auch ein besonders ehrgeiziges Ziel: Die Texte aus dem Narrenschiff, die als Scans vorliegen, sollen von dort automatisiert in eine computerlesbare Form übertragen werden – mit einer Software, die auf frühneuzeitliche Drucklettern spezialisiert ist.

„Wegen der Frakturschriften, die seinerzeit verwendet wurden, ist das nicht ganz einfach“, sagt Burrichter. Hinzu komme, dass damals jede Druckerei ihr ganz eigenes Schriftbild produzierte. Das liegt daran, dass sich die von Hand hergestellten Lettern von Druckerei zu Druckerei unterschieden.

Werkzeugkasten für andere Wissenschaftler

Ein digital ediertes Narrenschiff und eine neue Spezialsoftware sind nicht die einzigen Ziele des Projekts. Die Informatiker in Würzburg und Kaiserslautern wollen auch eine Art Werkzeugkasten erarbeiten, mit dem Literaturwissenschaftler aus den historischen Disziplinen an digitalen Editionen arbeiten können –ohne dass dafür besondere Fachkenntnisse in Datenbankaufbau, Optische Zeichenerkennung (OCR) oder Texterkennung nötig sind.

Projektbeteiligte und Geldgeber

An dem Projekt sind aus Würzburg Brigitte Burrichter und Joachim Hamm mit ihren Doktorandinnen Martina Gold und Christine Grundig beteiligt. Zum Team gehören auch die studentischen Hilfskräfte Raphaëlle Jung und Sebastian Leue.

Technisch betreut werden die Geisteswissenschaftler von Spezialisten des Digitalisierungszentrums der Unibibliothek, von Diplom-Informatiker Felix Kirchner, Diplom-Ingenieur Marco Dittrich und der studentischen Hilfskraft Maximilian Nöth. Die Texterkennungssoftware für Frakturschriften wird in Kaiserslautern von Dr.-Ing. Syed Saqib Bukhari und Professor Andreas Dengel entwickelt. Weitere Kooperationspartner sind die Universitätsbibliothek Basel, die Bibliothek Otto Schäfer in Schweinfurt und weitere Bibliotheken, die wertvolle Narrenschiff-Ausgaben zur Verfügung stellen.

Narragonien in Kallimachos

Das Narrenschiff-Projekt heißt „Narragonien digital“. Dieser Name steht für das Ziel, auf das Brant sein Narrenschiff zusteuern lässt, das fiktive Land Narragonien. Das literaturwissenschaftliche Projekt ist eines von mehreren Vorhaben in „Kallimachos“, einem Projekt zum Aufbau eines Digital-Humanities-Zentrum an der Universitätsbibliothek Würzburg. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert „Kallimachos“ mit 2,1 Millionen Euro.

Das neue Zentrum führt Geisteswissenschaftler, Informatiker und Bibliothekare zusammen. Es entwickelt digitale Werkzeuge und Arbeitsverfahren für die Bearbeitung und Darstellung geisteswissenschaftlicher Forschungsfragen. Die Koordination von „Kallimachos“ liegt bei der Würzburger Universitätsbibliothek.

Zur Homepage von Kallimachos: Opens external link in new windowwww.kallimachos.de

Kontakt

Prof. Dr. Brigitte Burrichter, Lehrstuhl für französischen und italienische Literaturwissenschaft, Universität Würzburg, T (0931) 31-85684, Opens window for sending emailbrigitte.burrichter@uni-wuerzburg.de

Prof. Dr. Joachim Hamm, Professur für deutsche Philologie, insbesondere Literaturgeschichte des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, Universität Würzburg, T (0931) 31-81679, Opens window for sending emailjoachim.hamm@uni-wuerzburg.de

Dr. Hans-Günter Schmidt, Leiter des Digitalisierungszentrums und der Abteilung Handschriften und Alte Drucke an der Universitätsbibliothek Würzburg, T (0931) 31-85964, Opens window for sending emailhans-guenter.schmidt@bibliothek.uni-wuerzburg.de

Prof. Dr. Andreas Dengel, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, Kaiserslautern, T (0631) 20575-1000, Opens window for sending emailAndreas.Dengel@dfki.de