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29.07.2014

Prost Mahlzeit und Amen

In der Kirche essen und trinken? Das kann für Ärger in der Gemeinde sorgen. Anderswo ist es hingegen normaler Bestandteil des Gemeindelebens. Welche Angebote es in den verschiedenen Kirchen in Deutschland gibt, hat der Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs erforscht. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.

Brot zum Wein anstelle einer geweihten Hostie? In der katholischen Kirche ist das undenkbar. Andere Konfessionen sehen das entspannter.

Brot zum Wein anstelle einer geweihten Hostie? In der katholischen Kirche ist das undenkbar. Andere Konfessionen sehen das entspannter.

Essen und Trinken haben es Guido Fuchs angetan – zumindest als Forschungsgegenstand im Rahmen der Liturgiewissenschaft. (Foto: Gunnar Bartsch)

Essen und Trinken haben es Guido Fuchs angetan – zumindest als Forschungsgegenstand im Rahmen der Liturgiewissenschaft. (Foto: Gunnar Bartsch)

Immer am Pfingstmontag lädt die evangelisch-lutherische Salvatorgemeinde Untersiemau zu einem „Wirtshausgottesdienst“ ein. Der Gottesdienst findet an den Tischen statt, die Teilnehmer bestellen sich vor Beginn ihre Getränke. Passend dazu stand die Predigt im vergangenen Jahr unter der Überschrift: „Wer isst, der sündigt nicht“. Zum Gottesdienst in die Kneipe? Das gibt es immer öfter. Denn Essen und Trinken spielen zunehmend eine Rolle in Kirchen und in Gottesdiensten.

Wie groß das Spektrum der Angebote ist, wie stark diese sich zwischen den Konfessionen unterscheiden und wie die Verantwortlichen und die Gemeindemitglieder darauf reagieren, hat der Liturgiewissenschaftler Professor Guido Fuchs in den vergangenen Jahren untersucht. Das Ergebnis seiner Arbeit, die vom Verein „Andere Zeiten e. V.“ unterstützt wurde, liegt jetzt als Buch vor. Sein Fazit: „Es ist erstaunlich, was es alles gibt!“

Wenn die Kneipe zum Gotteshaus wird

Zum Beispiel „Brunch & Pray“ – ein ökumenischer Gottesdienst mit Live-Musik, Filmausschnitten und anschließendem Brunch in der Kirche, zu dem die evangelische Gemeinde St. Johannis in Würzburg regelmäßig einlädt. Die Besucher bringen dazu selbst gebackene Kuchen, einen Salat oder einen anderen Snack mit. Oder die Baptisten: Während die katholische Kirche sich schwer damit tut, Essen und Trinken in der Kirche zuzulassen, ist es in manchen Baptistengemeinden üblich, in den Gottesdiensträumen ein Mittagessen zu veranstalten oder zu Kaffee und Kuchen einzuladen und damit den Gemeinschaftsaspekt erlebbar zu machen. Ganz zu schweigen von der Heilsarmee: Für deren Anhänger geht es gar nicht um die Frage, ob ein Essen in einem gottesdienstähnlichen Raum stattfinden darf. Für sie kann sogar ein Kneipe zum „Gotteshaus“ werden, wenn Gott von ihr „Besitz ergreift“.

Guido Fuchs ist außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Universität Würzburg. Schon seit etlichen Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema „Essen und Trinken in Gottesdienst und Kirchenraum“, wie der Untertitel seines neuen Buchs „Ma(h)l anders“ lautet. „Ich habe gesehen, dass es in diesem Zusammenhang viele interessante Gottesdienstformen gibt, aber kaum Literatur darüber“, sagt er. Für einen katholischen Theologen mag dieses Forschungsgebiet ungewöhnlich sein. Denn während viele Menschen gutes Essen, viel trinken und ganz allgemein Genuss in der Regel mit Katholiken assoziieren und bei Protestanten eher an trockenes Knäckebrot und Verzicht denken, sieht das in der gottesdienstlichen Praxis beider Konfessionen eher umgekehrt aus.

Strikte Regeln in der katholischen Kirche

„In der katholischen Kirche sind die Möglichkeiten extrem stark eingeschränkt“, sagt Guido Fuchs. So heißt es in der entsprechenden Vorschrift, der Instruktion Redemptionis Sacramentum: „Die Feier der heiligen Messe darf in keiner Weise in den Kontext eines gemeinsamen Mahls eingefügt oder mit einem solchen Mahl in Beziehung gebracht werden.“ Die Messe dürfe auch nicht an einem Ort gefeiert werden, an dem Mahlzeiten eingenommen werden, und auch nicht in einem Raum, in dem sich Speisen befinden. Damit sind Angebote, wie sie in evangelischen und freikirchlichen Gemeinden immer zahlreicher anzutreffen sind, in katholischen Gemeinden prinzipiell untersagt. „Ein großer Verlust für uns“, findet Fuchs.

Dabei spricht seiner Meinung nach viel dafür, dass Gottesdienste wirkliche Mahlzeiten integrieren oder nach sich ziehen: „Das würde mehr dem Handeln Jesu entsprechen“, sagt er. Jesus war immer wieder mit anderen Menschen zum gemeinsamen Essen und Trinken beisammen – „das war eine Form seiner Verkündigung des Reiches Gottes an die Menschen.“ Wenn die Kirche ihren Besuchern öfter Mahlzeiten anbieten würde, sei das ein Weg, „den Alltag in den Bereich des Heiligen hinein zu bringen“. Darüber hinaus schaffe Essen immer auch Kommunikation. Beim „Frühstückgottesdienst“ wie er in manchen evangelischen Gemeinden stattfindet, kommen die Teilnehmer am gemeinsamen Tisch untereinander über den Glauben ins Gespräch, statt nur stumme Zuhörer einer Predigt zu sein.

Im Abendmahl steckt die Mahlzeit drin

Eigentlich ist eine Mahlzeit zentrales Element vieler Gottesdienste: Mit der Eucharistiefeier erinnern Christen an Jesu letztes Abendmahl im Kreise seiner Jünger. Beim Verzehr von Brot und Wein folgen sie seinem Wort: „Esst, trinkt, tut dies zu meinem Gedächtnis“. Doch auch hier finden sich Unterschiede zwischen den beiden Kirchen: Während Protestanten vom Abendmahl sprechen und dabei den Aspekt des Mahles betonen, war bei Katholiken lange Zeit vom Messopfer die Rede. Wenn dann auch noch, wie in vielen katholischen Gemeinden noch immer üblich, nur eine Hostie ausgegeben und auf Wein für die Gläubigen gänzlich verzichtet wird, verbietet es sich nach Guido Fuchs‘ Meinung geradezu, von einem „Mahl“ zu sprechen.

Nicht jedes Angebot, auf das er während seiner Recherchen gestoßen ist, gefällt dem Theologen. Die Grenzen sieht er dort überschritten, wo die religiösen Gefühle anderer verletzt werden. So sorgte es für Ärger, als der Bischof von Hildesheim während der Restaurierung des Doms die Bauarbeiter zum Spanferkel-Essen im Dom und zu „Kölsch statt Kelch“ einlud, wie geschrieben wurde. Obwohl dem aus Sicht der Kirche nichts entgegensteht – der Dom war für die Zeit der Bauarbeiten „entweiht“ worden. Auch wenn ein Angebot „ins Kitschige“ geht, zuckt Fuchs bisweilen zusammen, beispielsweise, wenn bei einem Valentinsdinner in der Kirche Kerzen in Herzform um den Altar aufgestellt werden und die Paare sich innerhalb dieses Herzens versammeln. „Hier wird Gottesdienst auf Stimmung reduziert “, findet er.

Nächster Plan: Eine Ausstellung

Den Anspruch der Vollständigkeit erhebt Guido Fuchs in seinem Buch nicht. Dazu sei das Thema zu sehr in Bewegung: „Viele Angebote sind nur kurzlebig, nach ein paar Jahren können sie schon wieder verschwunden sein“, sagt er. Er habe sich deshalb auf eine historisch-systematische Darstellung konzentriert: Welche Angebote gibt es, worin liegen ihre Wurzeln, was ist erlaubt und was nicht – auf diese und weitere Fragen will der Theologe Antwort geben.

Mit der Veröffentlichung des Buches ist seine Arbeit im Bereich der religiösen Kulinaristik allerdings noch nicht getan. Jetzt plant Guido Fuchs eine Ausstellung, in der die Zusammenhänge „sinnenhaft aufbereitet“ und alltagsnah dargestellt werden. Diese Ausstellung könne dann durch die Gemeinden wandern. Auch wenn er glaubt, dass die Realisierung schwierig wird, einen Namen hat er bereits: „Gott und Gaumen“.

Guido Fuchs: Ma(h)l anders. Essen und Trinken in Gottesdienst und Kirchenraum. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2014. 256 S., 21 Textabbildungen, 24,95 Euro. ISBN 978-3-7917-2574-1

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Kontakt

Prof. Dr. Guido Fuchs, T: (05121) 286295 , E-Mail:Opens window for sending email info@liturgieundalltag.de