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29.07.2014

Die Katholiken und der Krieg

Im August vor 100 Jahren begann der Erste Weltkrieg. Beim Blick darauf stehen meist die Konflikte zwischen den beteiligten Ländern im Mittelpunkt. Doch wie wurde der Krieg – angesichts des damit verbundenen Leids – von den Kirchen gedeutet und legitimiert?

Soldaten bei einem katholischen Feldgottesdienst. Das Bild stammt von einer Postkarte, die im April 1916 als Ostergruß verschickt wurde. Aus: „Glaubenssache Krieg“, herausgegeben von Heidrun Alzheimer.

Soldaten bei einem katholischen Feldgottesdienst. Das Bild stammt von einer Postkarte, die im April 1916 als Ostergruß verschickt wurde. Aus: „Glaubenssache Krieg“, herausgegeben von Heidrun Alzheimer.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs im August 1914 waren Teile der Bevölkerung voller nationalem Enthusiasmus und regelrecht begeistert von der Vorstellung, in den Krieg zu ziehen. Wie standen die Kirchen dazu, wie die Katholiken?

„Die Katholiken arrangierten sich 1914 sehr geschmeidig mit dem Krieg“, sagt Professor Dominik Burkard, Kirchenhistoriker von der Universität Würzburg. Das war alles andere als selbstverständlich, denn das Verhältnis der Katholiken zur Nation hatte in den Jahrzehnten davor viele Belastungen auszuhalten.

Burkard hat das in einem Vortrag auf der Tagung „1914-2014: Wie kam es zum Ausbruch des ersten Weltkrieges?“ thematisiert. Die Tagung fand vom 7. bis 9. Februar im christlichen Bildungswerk „Die Hegge“ in Willebadessen statt. Der folgende Text ist ein Auszug aus seinem Vortrag „Die Katholiken und der Krieg. Legitimationen, Argumente, Rechtfertigungen für den Krieg“.

Reaktionen beim Ausbruch des Kriegs

Die Generalmobilmachung Anfang August 1914 euphorisierte die deutsche Gesellschaft derart, dass sich dem nur wenige entziehen konnten. So verfestigten sich die Bilder junger Soldaten, die begeistert in den Weltkrieg ziehen, im kollektiven Gedächtnis zu einer Gewissheit, die lange nicht hinterfragt wurde. Auch die Katholiken ließen sich – so stellte 1971 der evangelische Kirchenhistoriker Karl Hammer fest – im Sommer und Herbst 1914 in einen „Taumel des Nationalismus“ fallen, der sich von dem der übrigen Deutschen nicht unterschied.

Inzwischen wird das „August-Erlebnis“ durchaus differenzierter gesehen: Demnach erfasste die Begeisterung vor allem das Bürgertum; sie war in den Großstädten stärker als auf dem Land, in den intellektuellen Milieus ausgeprägter als etwa in der Arbeiterschaft. Gilt diese Differenzierung auch für die Konfessionen? Lässt sich die These von der Kriegseuphorie auch für den Katholizismus halten?

In der Tat gibt es zahlreiche Belege für entsprechende Solidaritätsbekundungen: Landauf, landab kam es, auch in geschlossen katholischen Gebieten, zu patriotischen Feiern, die mitunter von katholischen Vereinen initiiert und ausgerichtet wurden. Selbst in Ausbildungsstätten des Klerus wurden patriotische Reden gehalten, patriotische Lieder gesungen, riefen die geistlichen Vorgesetzten zum freiwilligen Dienst an der Waffe auf.

Tausende von Theologiestudenten nahmen am Krieg teil, etwa 500 meldeten sich freiwillig zum Kriegsdienst und übten das Kriegshandwerk aus – und ernteten dafür durchaus Anerkennung: Bis 1916 wurden etwa 150 Theologiestudenten zu Offizieren befördert.

Wer in Hirtenbriefe und Kriegspredigten hineinliest, dem treten Bilder und Chiffren entgegen, die wenig Distanz erkennen lassen. War das bereits das Produkt einer allgemeinen, auch medialen und öffentlichkeitssteuernden „geistigen Mobilmachung“, Ausbruch eines mehr oder weniger stabilen Bewusstseins, oder nur Ausdruck eines spontanen Empfindens? Das sei dahingestellt, doch an der Tatsache selbst ist kaum zu rütteln: Von mentalen oder gar religiösen Vorbehalten der Katholiken gegen den Krieg ist nur wenig zu sehen.

Katholiken galten als „Stiefkinder der Nation“

Dies verwundert angesichts der extremen Verwerfungen zwischen Katholizismus und deutscher Nation im 19. Jahrhundert. Denn anders als im Protestantismus, der spätestens seit der Reichsgründung 1871 aufs engste mit der „Nation“ verflochten war, galten die Katholiken auch noch beim Ausbruch des Krieges als „Stiefkinder der Nation“.

Der Weg der Katholiken ins Kaiserreich war lang, mühsam und voller Kämpfe. Mit der Säkularisation und dem Ende des Alten Reiches (1802) waren die Katholiken heimatlos geworden. Der Untergang der kirchlichen Territorialherrschaften, die „Enteignung“ der Kirche und ihre politisch-gesellschaftliche Marginalisierung, die Eingliederung der ehemals geschlossen katholischen Gebiete in die neu entstehenden deutschen Flächenstaaten, die fast vollständig protestantisch geprägt waren, eine von den Flächenstaaten übergestülpte Religionspolitik – all das machte die Katholiken zu Bürgern zweiter Klasse.

Ihr materielles Zurückbleiben, gesellschaftliche Barrieren und Regulative, die Katholiken bewusst etwa vom höheren Militärdienst und vom Staatsdienst fernhielten, sowie ein infolge der Säkularisation entstandenes „katholisches Bildungsdefizit“ verhinderten die wirkliche Integration. Der deutsche „Bruderkrieg“ mit dem Sieg Preußens und das Ausscheiden Österreichs aus dem Deutschen Bund zementierten die inferiore Stellung.

Dazu kamen innere Faktoren, die den Katholizismus ins Ghetto führten: die antimoderne Ausrichtung der Kirche während des langen Pontifikats von Pius IX (1846-1878) und die „Kulturkämpfe“, welche die Gegensätze zwischen Staat und Kirche bewusst verschärften. Hier standen sich in einem europäischen Weltanschauungskampf die modernen Nationalstaaten und ein restaurativer Katholizismus gegenüber – beide mit absolutistischem Anspruch.

 Porträtpostkarte des deutschen Kaisers mit seinem berühmten Ausspruch: „Ich kenne keine Parteien mehr, [ich] kenne nur noch Deutsche“. Beginnende Integration ins Kaiserreich

Erst der schrittweise Abbau der Kulturkampfgesetzgebung der 1880er-Jahre machte nach dem Scheitern der Bismarckschen Innenpolitik den Weg frei für das Heraustreten der Katholiken aus dem Ghetto, für ihre Integration ins Kaiserreich und ihre Identifikation mit dem neuen Deutschland. Die Kranzniederlegung durch die katholische Zentrumspartei am Grab Bismarcks 1898 war ein äußeres Zeichen der Bejahung des Reichsgründers und seines Reiches.

Wilhelm II. gelang es schließlich durch seinen katholikenfreundlichen Kurs, mentale Vorbehalte zu überwinden, etwa als er 1907 erklärte: „Wie Ich keinen Unterschied mache zwischen alten und neuen Landesteilen, so mache Ich auch keinen Unterschied zwischen Untertanen katholischer und protestantischer Konfession. Stehen sie doch beide auf dem Boden des Christentums, und beide sind bestrebt, treue Bürger und gehorsame Untertanen zu sein“.


Porträtpostkarte des deutschen Kaisers
mit seinem berühmten Ausspruch:
„Ich kenne keine Parteien mehr, [ich] kenne nur noch Deutsche“.

So mehrten sich unter intellektuellen Katholiken die Stimmen, die einen „zeitgemäßen“ Katholizismus forderten. Wie ein Fanal wirkten in dieser Hinsicht die Bücher „Der Katholicismus als Princip des Fortschritts“ (1897) des Würzburger Theologen Herman Schell und „Katholisches Christentum und moderne Kultur“ (1906) des ehemaligen Würzburger Kirchenhistorikers Albert Ehrhard.

Als unter Papst Pius X. (1903-1914) solche Regungen verdammt und die Katholiken demonstrativ wieder ans römische Gängelband genommen wurden, war am Vorabend des Ersten Weltkriegs plötzlich das alte „Kulturkampftrauma“ wieder sehr präsent: das Gefühl der Minderwertigkeit trotz zunehmend gelingender Integration ins kleindeutsche Reich.

Der Krieg als Chance, sich zu bewähren

Es wundert kaum, dass vor diesem Hintergrund die Reaktion der deutschen Katholiken auf den Ausbruch des Krieges nur positiv, vielleicht sogar überzogen positiv sein konnte. Der Zeitpunkt schien gekommen, die eigene politische Zuverlässigkeit unter Beweis zu stellen, zu zeigen, dass alles böse Gerede von gestern Lüge war: die angebliche nationale Unzuverlässigkeit der Katholiken, ihre mangelhafte Identifikation mit dem Deutschen Reich.

Jetzt schien die Chance greifbar nahe, nicht mehr „Bürger zweiter Klasse“ zu bleiben, sondern die „Vollbürgerschaft“ zu erlangen. Des Kaisers Zusage beim Kriegsausbruch, dass die Reichsleitung von nun an „keine Parteien“ mehr kenne, nur noch Deutsche, nährte diese Hoffnung und führte dazu, dass auch die katholische Zentrumspartei die Kriegsanstrengungen unterstützte.

Dazu trat ein weiteres Moment: Kriegsauslöser war die Ermordung des österreichischen Erzherzogs. Deutschland stellte sich – jedenfalls in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit – bedingungslos an die Seite der Donaumonarchie, der Vormacht des Katholizismus. Das dürfte die alten Hoffnungen der Katholiken nach einer Integration Österreichs und der Bildung eines großdeutschen Staates genährt haben.

Religiöse Rechtfertigungen für den Krieg?

Anders als an der katholischen „Basis“ war bei den Bischöfen wenig Euphorie zu erkennen: Sie fügten sich zwar ins Unvermeidliche und zweifelten auch nicht an der Rechtmäßigkeit des von der rechtmäßigen Obrigkeit erklärten Krieges. Im Vordergrund stand jedoch ihr Bemühen, die zu erwartenden negativen Auswirkungen praktischer Art auf alle Bereiche der Seelsorge möglichst gering zu halten.

Von Anfang an hatte die Reichsregierung die Devise ausgegeben, man werde von außen zum Krieg gezwungen, man wolle den Krieg überhaupt nicht. Diese „gefühlte“ und propagandistisch zur Realität erhobene Bedrohung von außen ließ ein qualitativ neues Einheitsbewusstsein vom deutschen Vaterland entstehen. Das wurde auch von den Kirchen aufgegriffen und durch die alte „Lehre vom gerechten Krieg“ theologisch ergänzt. In der katholischen Moraltheologie galt der Krieg als zulässiges Mittel zur Wiederherstellung des Rechts, gar als sozialethische Pflicht: Demnach habe der Staat die Pflicht, Bedingungen herbeizuführen, die das Wohlergehen Aller im Staat förderten.

Die Lehre vom gerechten Krieg passte gut zu der von der Reichsregierung vorgegebenen Formel vom aufgezwungenen Krieg. Mitunter wurde der Krieg nicht nur als „gerecht“, sondern sogar als „heilig in seinem Zwecke“ bezeichnet, insofern „wir nichts anderes erstreben, als die Freiheit und Sicherheit des Vaterlandes, einen dauerhaften Frieden für die Welt, bei dem nicht bloß die menschliche Kultur, sondern auch das Reich Gottes blühen und gedeihen kann“.

Allerdings wurden auch Bedingungen und Grenzen für einen „gerechten Krieg“ benannt: „Wenn also diplomatische Verhandlungen, Repressalien, Vermittlung, Warenboykott und dergleichen Mittel genügen, um dem Staate zu seinem Rechte zu verhelfen, so darf nicht zum Kriege gegriffen werden, der doch immer das größere Übel bleibt“. Ende Oktober 2014 stand angesichts dessen, was in Belgien geschehen war (Krieg gegen die Zivilbevölkerung, Politik der „verbrannten Erde“, Verteidigung Deutschlands auf fremdem Territorium), die Anwendung der Lehre vom gerechten Krieg unter großem Rechtfertigungsdruck.

Frage nach dem Sinn des Krieges

Schon bald nach Kriegsbeginn kam es zu einer religiös-theologischen „Sinn“-Suche, zur Suche nach einer Antwort auf die mit zunehmender Dauer des Krieges immer lauter und drängender werdende Frage nach dem „Warum?“ dieses Krieges. Abseits „säkularer“ Erklärungen im Kontext der üblichen „Kriegsschuldfrage“ fand man eine Antwort zunächst in der offenkundig explodierenden Religiosität der ersten Kriegswochen: Seelsorger und Pfarrer machten überall die Erfahrung, dass die ausziehenden Soldaten und die zurückbleibenden Familien in geradezu erstaunlicher Intensität Kirchen und Gottesdienste aufsuchten und die Sakramente empfingen.

Hier fand sich ein Schlüssel zur katholischen Deutung des Krieges: Er wurde ein „Appell zu Buße und Sühne“, zum „Strafgericht Gottes über die sündige Menschheit“ und zum „Anruf, die Tugenden der Christen zu bewähren“. Die Frage, weshalb eine Läuterung überhaupt nötig sei, wurde mit dem Hinweis auf die moderne Umkehrung der Werteordnung beantwortet: Wohlstand und Genuss der irdischen Güter, Eigenliebe und Stolz hätten Gott als das höchste Gut überlagert – eine Kriegsdeutung, die durchaus in Spannung stand zur allgegenwärtigen Parole des „Gott mit uns“.

Freilich artikulierte sich hier noch einmal der Kulturpessimismus des katholischen Antimodernismus. Es wurde also nicht zuerst der Krieg für den Niedergang der Moral verantwortlich gemacht, sondern andersherum: Weil die Menschen von Glaube und Sitte abgekommen waren, strafte Gott sie mit Krieg. Erhofft wurde – und das war die positive Konnotation – eine neue Hinwendung zu Gott und zum Glauben, eine „Herzensmobilmachung“ nach dem Motto: „Not lehrt beten“.

Religiöser Eifer erlahmte rasch

Allerdings stellte sich schon bald Ernüchterung ein: Denn der neu erworbene religiöse Eifer erlahmte rasch. Den Widerspruch einer solchen Kriegsdeutung brachte 1917 ein Soldat treffend zum Ausdruck: „Etwas ironisch klang mal ein Artikel, wo dieser Krieg als eine Geißel, als furchtbare Strafe für die sündige Menschheit hingestellt wurde. Natürlich hat die Menschheit vor dem Kriege gesündigt. Aber ich frage: wann wurde mehr gesündigt, vor dem Krieg oder während dem Kriege? Ganz entschieden wurde nie mehr gesündigt als gerade in diesem unheilvollen Kriege. Mit welcher Geißel werden denn diese Sünden gestraft?“

Und schon im Herbst 1915 hatte der katholische Fuldaer Bonifatiusbote nach den enormen menschlichen Verlusten an der West- und der Ostfront in selbstkritischer Reflexion geschrieben: „Gott hat den Krieg nicht gewollt, er will auch nicht, daß derselbe so lange fortdauere. […] Aber dieser große, unendliche Gott hat dem Menschen einen freien Willen gegeben. […] Man bleibe also uns fern mit der gedankenlosen Phrase, der Krieg komme von Gott oder wenn es einen gerechten Gott gäbe, dann müßte das Morden ein Ende haben. Wenn die Engländer erklären, wir geben nicht nach und wir wollen keinen Frieden, wenn Frankreich erklärt, bis zum endgültigen Siege dulden wir nicht, daß man vom Frieden spreche, wenn Rußland trotz seiner ungeheuren Niederlagen sich immer noch als halber Sieger wähnt, […] dann leuchtet jedem vernünftigen Menschen ein, daß der Herrgott im Himmel mit der längeren Dauer des Krieges nichts, aber auch gar nichts zu tun hat“.

Professor Dominik Burkard ist Inhaber des Lehrstuhls für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören das Verhältnis von Kirche und Staat sowie der Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert.

Kontakt

Prof. Dr. Dominik Burkard, Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, Universität Würzburg, T (0931) 31-82289, Opens window for sending emaildominik.burkard@theologie.uni-wuerzburg.de