Grabsteine als stumme Zeugen
Würzburg war im 12. und 13. Jahrhundert ein großes und europaweit renommiertes Zentrum für jüdisches Leben. Das ist die Quintessenz eines Forschungsprojekts, das 1987 mit einem sensationellen Fund seinen Anfang nahm. Mit einer dreibändigen Buchedition wurde das Projekt nun abgeschlossen.
Im Januar 1987 kamen beim Abriss eines früheren Klosters in Würzburg zahlreiche mittelalterliche jüdische Grabsteine zum Vorschein: Insgesamt 1455 Stück wurden am Ende geborgen – die weltweit bislang größten Überreste eines mittelalterlichen jüdischen Friedhofs.
„Allein schon die Menge legte die Vermutung nahe, dass die damalige jüdische Gemeinde in Würzburg sehr bedeutend gewesen sein musste“, so Professor Karlheinz Müller. Der Theologe von der Universität Würzburg kümmerte sich von Anfang an um die Bergung, Lagerung und wissenschaftliche Bearbeitung des Fundes.
Mit seinen Professorenkollegen Schimon Schwarzfuchs (Tel Aviv / Paris) und Avraham Reiner (Be’er Scheva) sowie mit zahlreichen weiteren Helfern und Sponsoren brachte Müller das Projekt nun zu seinem krönenden Abschluss: Am 10. Januar wurde die dreibändige Buchedition über die mittelalterlichen Grabsteine bei einer Feierstunde im Würzburger jüdischen Gemeindezentrum Shalom Europa erstmals präsentiert.
Professor Müller, der mittlerweile emeritiert ist, stellte die Buchedition bei der Feier kurz vor. Die Ergebnisse der jahrelangen Forschungsarbeit brachte er so auf den Punkt: „Würzburg war im 12. und 13. Jahrhundert ein renommierter und von Juden aus ganz Europa gesuchter Standort jüdischen Lebens, ein europäisches Zentrum der Torastudien mit einer hochorganisierten und modernen Gemeindeverwaltung.“
Respektvolle Dankesworte an Müller zogen sich durch alle Grußworte hindurch. „Beim Fund der Steine war deren Bedeutung wenigen Menschen klar. Einer davon war Professor Müller“, so Josef Schuster, der Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde von Würzburg. „Steine sind stumme Zeugen. Sie brauchen jemanden, der sie zum Sprechen bringt, und dabei hat die Universität eine herausragende Rolle gespielt.“ Das sagte Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch.
Als „wichtiges Zeugnis für die Geschichte unserer Stadt“ bezeichnete Oberbürgermeister Georg Rosenthal die neue Buchedition. „Professor Müller hat das Thema in der Stadt präsent gehalten, er hat ein internationales Forschungsprojekt initiiert und sich um dessen Finanzierung bemüht.“ Die Erforschung der „Judensteine“ wurde von zahlreichen Förderern unterstützt, unter anderem ab 1996 von der German-Israeli Foundation.
Mehr Informationen über die Entdeckung der Grabsteine und die Buchedition:
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