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usgabe 43 vom 18. November 2008

Martin Lindauer (Foto Helga R. Heilmann)
Martin Lindauer (Foto Helga R. Heilmann)

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Ein großer Kenner der Bienen

Am 13. November ist Martin Lindauer im Alter von 89 Jahren gestorben. Lindauer hatte von 1973 bis 1987 den Lehrstuhl für Tierphysiologie an der Universität Würzburg inne. Über viele Jahre hinweg war er Vizepräsident der Universität. Für seine Verdienste hat ihm die Universität im Jahre 1995 die Ehrenmedaille „Bene Merenti in Gold“ verliehen.

Martin Lindauer war einer von nur drei Soldaten seiner Kompanie, die Stalingrad überlebten. In Erinnerung an diese Zeit schrieb er einmal: „Verwundet aus Russland zurück, gab es mitten im Trümmerhaufen materieller und ideeller Werte einen unerwarteten Hoffnungsschimmer, als ich von einem Münchner Lazarett aus in die Vorlesung ‚Allgemeine Zoologie‘ von Karl von Frisch hineinstolperte. Die objektive und ehrliche Arbeit an der Wissenschaft und an den Bienen hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.“

Bereits seine Doktorarbeit über die Einwirkung von Duft- und Geschmacksstoffen auf die Tänze der Bienen beeindruckte seinen Lehrer Karl von Frisch so sehr, dass er ihn 1948 für zwei Jahre nach Graz als Assistent holte. Nach der Rückkehr Karl von Frischs nach München folgten äußerst ergiebige gemeinsame Jahre.

Wegweisende Arbeiten über Bienen

Aufsehenerregende Entdeckungen zu den Verständigungsmethoden der Bienen beim Nahrungserwerb und bei der „Wohnungssuche“, zur Arbeitsteilung unter den Individuen im Bienenstaat oder zur Temperaturregulierung im Bienenstock hat Lindauer in dieser Zeit gemacht. Vor allem die Erforschung der Bienentänze auf der Schwarmtraube, die zur Entdeckung eines quasi-demokratischen Entscheidungsprozesses bei sozialen Insekten führte, und seine äußerst detaillierten Arbeiten zur Arbeitsteilung haben die moderne experimentelle Soziobiologie bis heute geprägt.

Seine Arbeiten zur Temperaturregulierung und zum Wasserhaushalt im Bienenstaat haben erstmals soziale Regelvorgänge in Insektenstaaten aufgedeckt und damit ein bis in unsere Tage hochaktuelles Forschungsgebiet initiiert. Außerdem hat er in dieser Münchner Zeit, zum Teil gemeinsam mit Karl von Frisch, bahnbrechende Arbeiten zur Sonnenkompassorientierung der Bienen veröffentlicht, wobei vor allem seine Untersuchungen über angeborene und erlernte Komponenten in der Sonnenorientierung der Bienen viel Aufsehen erregt haben. Auf zwei Forschungsreisen in Indien und Brasilien hat Martin Lindauer aufgrund vergleichender Untersuchungen sozialer Bienen wichtige Entdeckungen gemacht, die erstmals solide Hinweise zur Evolution der Bienensprache lieferten.

Karriere in München und Frankfurt

1955 folgte seine Habilitation und 1961 wurde er zum außerordentlichen Professor an der Universität München ernannt. Um diese Zeit war Lindauer längst ein international bekannter Wissenschaftler; so wurde er bereits 1959 eingeladen, an der Harvard-Universität die hochangesehene Prather-Lectures zu halten.

1963 erhielt Lindauer einen Ruf an die Universität Frankfurt/Main, den er annahm. Bald machte er Frankfurt zum Mekka der experimentellen Verhaltensforschung und Sinnesphysiologie. Lindauer zog junge Wissenschaftler an, die er für verhaltensphysiologische Forschung begeisterte, er gab ihnen viel Unabhängigkeit zur eigenen wissenschaftlichen Entwicklung, sparte aber auch nicht an hilfreicher Kritik und förderte den akademischen Nachwuchs mit einem erstaunlichen Gespür für Talent und Integrität.

In die Frankfurter Zeit fielen die aufregenden Arbeiten, die Lindauer zum Teil zusammen mit Schülern durchgeführt hat, zum Formensehen der Bienen, zur Orientierung der Insekten im Duftfeld, zum Lernen und Gedächtnis der Bienen oder zur Fähigkeit der Bienen, das magnetische Feld wahrzunehmen

Als ihn 1973 der Ruf an die Universität Würzburg erreichte, zögerte Lindauer nicht, in die bayerische Heimat zurückzukehren. Bald übernahm er hier Ämter und Aufgaben in der akademischen Selbstverwaltung.

Zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen

In Anerkennung seiner Leistungen sind Lindauer zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen nationaler und internationaler Gremien zuteil geworden. Er wurde zum Mitglied in zahlreiche Akademien gewählt. Er ist außerdem Ehrenmitglied der Deutschen Zoologischen Gesellschaft, die ihm 1986 auch die Karl-von-Frisch-Medaille und den Wissenschaftspreis verlieh. Die Universitäten Zürich, Umeå und Saarbrücken haben ihn mit der Ehrendoktorwürde geehrt. Im Jahre 1983 wurde Lindauer das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, 1986 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, und 1998 ehrte ihn der Freistaat Bayern mit dem Maximilians-Orden.

Unter den vielen weiteren Auszeichnungen gab es eine, die ihn besonders gefreut hat: 1984 machte ihn der Deutsche Imkerbund zum Ehrenimkermeister. Diese Auszeichnung unterstreicht, dass Lindauer bei all seinen großen wissenschaftlichen Erfolgen und internationalen Ehrungen, stets bodenständig mit der Praxis verbunden geblieben ist.

Bert Hölldobler

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