BLICK
Ausgabe 4 - 2009

Fotis Jannidis an seinem Arbeitsplatz. (Foto Hannes Vollmuth)
Fotis Jannidis

MENSCHEN

Zwischen Google und Goethe

Fotis Jannidis leitet den neuen Lehrstuhl für Computerphilologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte an der Universität Würzburg. Lange interessierten ihn zwei Dinge: die Literatur und der Computer. An seinem Lehrstuhl geht endlich beides Hand in Hand.

Ist es nur Zufall, dass Fotis Jannidis gerade an einer neuen Faust-Edition arbeitet? „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, ruft der verzweifelte Gelehrte in Goethes Drama aus. Und zwei Seelen sind es auch, die in Jannidis wohnen. Auf eine Formel reduziert, kann man sie im Namen des neuen Lehrstuhls entdecken, den der in Frankfurt geborene Literaturprofessor seit dem Sommersemester 2009 in Würzburg leitet: „Lehrstuhl für Computerphilologie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte“ – die Verbindung einer traditionsreichen Disziplin mit den neuen technischen Möglichkeiten des Informationszeitalters. Lange schon begeistert sich der Philologe für beides. Und lange hat es im Leben des 48-Jährigen gedauert, bis beide Elemente auch beruflich Hand in Hand gingen.

Früher Traum von digitalen Bibliotheken

Es begann mit einem Editionsprojekt. Mitte der 80er-Jahre. Jannidis, Sohn einer Hamburgerin und eines Griechen, studiert in Trier Germanistik. Der Student tippt für den Literaturprofessor Karl Eibl unzählige handschriftliche Seiten des Musil-Nachlasses in einem Großraumbüro in Computerterminals ein und leistet damit Zuarbeit für die erste rein digitale Edition, die in Deutschland erscheint. Die ersten Personal Computer kommen auf den Markt. „Damals“, sagt Jannidis heute, „habe ich Blut geleckt.“ Die an der Edition Beteiligten begannen die Möglichkeiten des neuen Mediums zu erkennen und träumten von digitalen Bibliotheken, die neue Quellen erstmals und bekannte Quellen neu erschließen.

Nach der Magisterarbeit über Goethe hält er sich zunächst mit Computerunterricht über Wasser. Der frisch gebackene Magister unterrichtet einige Monate Sekretärinnen in Programmen wie Word, bis Karl Eibl ihn nach München holt, vorübergehend als Betreuer des CIP-Pools, dann als wissenschaftlichen Mitarbeiter in der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft.

Von Anfang an im Internet dabei

Für seine Dissertation über Goethes Bildungsbegriff in dessen Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ verwendet Jannidis bereits eine digitalisierte Edition der Werke Goethes, allerdings schlägt sich dies noch nicht im methodischen Zugriff wieder. Zugleich erlebt er die – nach der Digitalisierung und Computerisierung – zweite große mediengeschichtliche Revolution der letzten Jahre, die Entstehung des Internets, von Anfang an mit. Gemeinsam mit Karl Eibl und einem anderen computerinteressierten Germanisten richtet er das Forum für Computerphilologie im Internet ein, dem bald das Jahrbuch für Computerphilologie im Druck folgt.

Die Windows-Welle Mitte der 90er brachte ein völlig neues Betriebssystem in die Büros, Haushalte und Universitäten. Auf MS-Dos basierende Programme liefen plötzlich auf den meisten Rechnern nicht mehr. Auch aufwendige digitalisierte Editionen, die noch mit Dos erstellt wurden, befanden sich in einer Sackgasse. „Ich bin schon sehr früh für ein Grundproblem sensibilisiert worden: Die Gefährdung von digitalen Texten durch ihre Abhängigkeit von Hardware, Betriebssystem und Software“, erzählt Jannidis. Einen Lösungsansatz bietet die Arbeit einer internationalen Vereinigung von Philologen, die sich in der Text Encoding Initiative organisiert haben und an der sich Jannidis beteiligt.

Die Entstehungsgeschichte von Dramen in einem Bild

Heute, fast 15 Jahre später, ist Jannidis einerseits Philologe und arbeitet als Erzählforscher und Literaturtheoretiker – um zwei seiner wichtigsten Forschungsfelder zu nennen. Zugleich ist die Begeisterung für die Möglichkeiten von Computer und Internet längst Teil seiner Arbeit. Die neue Edition von Goethes Faust, die Jannidis gemeinsam mit Anne Bohnenkamp (Freies Hochstift, Frankfurt) und Silke Henke (Goethe-Schiller-Archiv, Weimar) herausgibt, wird von Anfang an vor allem als digitale Edition im Internet geplant.

Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten Computerphilologen damit beschäftigt waren, Texte für spätere Generationen lesbar zu machen, will Jannidis heute eine weitere kleine Revolution anpacken: Die überaus komplexe Entstehungsgeschichte des Dramas, an dem Goethe über 50 Jahre gearbeitet hat, soll grafisch sichtbar gemacht werden. Alle vorhandenen Textversionen sollen in ihrer komplexen Abhängigkeit dargestellt werden.

Entwurf für den Arbeitsplatz des Literaturwissenschaftlers von morgen

Die Ausgabe wird dem Interessierten wie ein Archiv den Zugriff auf alle relevanten Zeugnisse in Bild und Tran­skription ermöglichen, zugleich wird sie ihm als Edition einen fertigen Text anbieten und außerdem die Entwicklung jeder Zeile des Dramas verfolgen. Diese vielfältigen Zugriffe sollen aber zugleich möglichst einfach sein, so dass ein Leser keine lange Einarbeitungszeit aufwenden muss, wie das bei historisch-kritischen Ausgaben sonst häufig der Fall ist.

Der neue Würzburger Professor entwirft den Arbeitsplatz des Literaturwissenschaftlers von morgen. Längst sind in der Germanistik Werkzeuge vorhanden, die es beispielsweise erlauben, das umfangreiche Werk von Thomas Mann in Sekundenschnelle auf bestimmte Phrasen, Wörter und Motive hin abzuklopfen. Die so genannte „Korpus-Recherche“ macht es möglich. „Wir können jetzt schon Statistiken anlegen und somit diffuse Eindrücke von Werken überprüfen. Wir sind an der Schwelle, unser philologisches Inventar enorm zu erweitern“, beurteilt Jannidis die neuen Möglichkeiten der Computerphilologie.

Der Computer liefert den digitalen Fingerabdruck

Schnelligkeit ist dabei vielleicht der größte Vorteil, den digitale Editionen besitzen. „Haben wir eine These, können wir in einer atemberaubenden Geschwindigkeit diese These an einem Werk überprüfen.“ Das Ergebnis: Die Interpretationen werden komplexer und reicher, da nicht mehr Monate vergehen, bis ein Philologe einen umfangreichen Roman durchgearbeitet und bestimmte Schlüsselwörter gezählt hat. Früher hat man diesen Aufwand vermieden und sich auf den Gesamteindruck verlassen. Heute kann man solche Deutungsthesen zumindest zum Teil überprüfen.

Die Möglichkeiten, die sich aus der Verknüpfung von Computer und Literaturwissenschaft ergeben, sind zahlreich: Ein digitaler Fingerabdruck speichert Stil und häufig verwendete Wörter eines Autors. Will man Texte ohne Verfasser einem Autor zuweisen, könnte der Computer die philologischen Fingerabdrücke mit diesen Texten vergleichen.

Lesen bleibt die Grundlage

Wird sich dadurch auch das Germanistikstudium verändern? Noch vor zehn Jahren hätte Jannidis auf diese Frage mit einem deutlichen „Ja“ geantwortet. Heute, im Jahre 2009, das er vor zehn Jahren schon völlig von der Computerphilologie durchdrungen geglaubt hatte, antwortet er vorsichtiger. Die Widerstandsfähigkeit gegen die neuen Formen sei hoch. Eine Universität wie Würzburg, die gleich einen ganzen Lehrstuhl für dieses Thema installiert und die ab dem Wintersemester 2009/10 einen Bachelor Digital Humanities anbietet, der geisteswissenschaftliche Studierende mit den neuen Arbeitsmöglichkeiten vertraut machen soll, ist nach Meinung des Philologen selten.

Manche Bedenkenträger glauben, die Computerphilologie würde die alten Arbeitsmethoden – genaues Lesen, sorgfältiges Interpretieren – verdrängen. „Ganz im Gegenteil“, sagt Jannidis. Woran die Computerphilologie als Teil der Digital Humanities arbeitet, ist, das Werkzeuginventar der Literaturwissenschaft zu erweitern. Und eines wird nach Meinung Jannidis’ ganz bestimmt bleiben: „Grundlage der Literaturwissenschaft ist lesen, lesen und lesen.“

Hannes Vollmuth

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